Warum Selbstversorgung?

Selbstversorgung – sich selbst versorgen. Vielfach ein Wunschtraum und vielfach als Utopie abgestempelt. Fest steht, dass ein Leben als Selbstversorger nicht leicht ist und dass es auch keine fixen Wege und Lösungen gibt, die einfach pauschal auf Anhieb funktionieren. Vieles muss nach dem “Try and Error” Prinzip ausprobiert und neu erlernt werden. Wer also als Selbstversorger leben will, sollte eine gewisse Lernbereitschaft mitbringen und zudem offen für Neues sein.

Was bedeutet aber Selbstversorgung genau?

Hier die Definition von Wikipedia:
Selbstversorgung bezeichnet eine autonome, von anderen Personen, Gemeinschaften, Institutionen oder Staaten unabhängige Lebensführung bzw. Wirtschaftsweise. Ein auf Selbstversorgung beruhendes Wirtschaftssystem nennt man Subsistenzwirtschaft.

Im Wort Selbstversorgung steckt auch der Begriff Sorge im Sinne von „sich vorausschauend und verantwortlich um etwas kümmern“. Sich selber versorgen bedeutet, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und diese mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu befriedigen.

Weg von der Industrie, Hin zur Natur

Als unsere Grosseltern noch jung waren, gab es noch keine Kühlschränke in jedem Hauhalt. Es gab keine Kühlketten, die es ermöglichten „Frischeprodukte“ durch die halbe Welt zu transportieren. Die Menschen waren darauf angewiesen, dass das Essen vor Ort produziert wurde und Lagermöglichkeiten bestanden, die ohne Strom auskamen. Saisonale und regionale Produkte waren nicht ein Teil des Angebotes, sie waren das Angebot.
Der Anteil der Bauern in der Bevölkerung war viel höher. Menschen versorgten sich selber, weil es gar keine andere Möglichkeit gab. Auf dem Land hatte fast jeder einen Garten und in der Stadt wurden die Erzeugnisse aus dem Umland verkauft. Das Wissen um Herstellung von Lebensmitteln und deren Haltbarmachung, sowie das Wissen um die Fertigung und Instandhaltung anderer lebenswichtiger Güter war in der Bevölkerung verwurzelt und wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Es ist immer wieder spannend, mit Menschen zu reden die die „gute, alte Zeit“ hautnah miterlebten. Die als fünfjährige barfüssig Ziegen hüteten und jeden Tag weite und zum Teil auch gefährliche Wege zurücklegten um die Schulbank zu drücken. Sie trauern der alten Zeit nicht nach. Wollen nicht auf den Komfort der „schönen neuen Welt“ verzichten. Und doch sei nicht alles besser geworden. Viel mehr Stress und Hektik sei in der Welt von heute.

Verantwortung

Es ist keine Neuigkeit mehr, dass es nur einige wenige Konzerne sind, die für uns bestimmen was angebaut wird und somit letztendlich was auf unsere Tische kommt. Es sind weltweit agierende Firmen, die vor allem einen Faktor berücksichtigen: Ihren eigenen Profit und das, was sie Wachstum nennen.
Fremdversorgung bedeutet Verantwortung abgeben. Verantwortung über die Produktionsweise, die Herstellungsverfahren, die Rezepturen, die Inhaltsstoffe, die Belastung der Umwelt. Wir müssen uns nicht um die Probleme kümmern, die beim Selbermachen auftauch könnten, es gibt für jede Situation im Leben eine kaufbare Lösung. Im Prinzip wäre es möglich, ein Leben lang nichts selber zu machen. Wie langweilig!
Je länger je mehr begeben wir uns als Gesellschaft in eine Abhängigkeit, in der wir nur verlieren können. Zugunsten von rationaliserter und industrialisierter Produktion wird auf Vielfalt verzichtet. Quantität wird mehr Wert beigemessen als Qualität und am Ende soll alles für den Konsumenten möglichst günstig sein. Dabei geht das Wissen verloren, das einst breit verankert war und während die “alten” Generationen langsam aussterben, wird es immer schwieriger den Zugang zu den wertvollen Informationen zu finden, die uns einst das Überleben garantiert haben.
Man wähnt sich in Sicherheit und lebt den Traum einer Wirklichkeit, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Man lebt in einer völligen Fremdversorgung und überlässt die überlebenswichtigen Aufgaben den Anderen, die man dann mit Geld bezahlt und sich so z.B. sein Essen kauft. Leider wird man aber niemals in der Lage sein, sich selber zu versorgen, falls auch nur das kleinste Rädchen im Uhrwerk dieser gewaltigen Maschinerie versagt und ist somit hilflos denen ausgeliefert, die einem heute noch vorgeben, dafür zu sorgen, dass es “rund läuft”.

Idealismus

Die Preise industriell hergestellter Produkte sind nicht zu unterbieten. Wenn man die Arbeit rechnet, die in den einzelnen Produkten steckt, ist Selbstversorgung „ein teurer Spass“. Es wäre „billiger“ irgendwo zu arbeiten, im Discounter einzukaufen und in der frei gewordenen Zeit irgendwo für Lohn arbeiten zu gehen.
Selbstgemachtes ist in jedem Sinn des Wortes unbezahlbar. Jeder Schritt der Verarbeitung ist bekannt, genauso wie und wo etwas gewachsen ist. Vielleicht zieht man im Winter eine Karotte aus dem Sand, an die man sich von der Ernte erinnert, weil sie eine merkwürdige Form hat.
Die Im Garten oder mit den Tieren verbrachte Zeit ist nicht nur Arbeit sondern sinnvoll investierte Lebenszeit. Die verrichte Arbeit erfüllt und befriedigt. Die Resultate sind sichtbar und geniessbar. Wer sorgfältig ist bei der Verarbeitung, hat am Ende Produkte zur Verfügung, die massgeschneidert sind auf die eigenen Bedürfnisse, und die im Fall von Lebensmitteln besser und echter schmecken als vergleichbares aus dem Feinkostladen. Produkte, die das erfüllen, was die Werbung der „Grossen“ verspricht. Frische, Geschmack und ein gutes Lebensgefühl!

Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper

Da ist kein Arbeitsweg auf dem ein beträchtlicher Teil der Lebenszeit verschwendet wird. Kein Stau in dem schon die Hälfte des Nervenkostüms verbraten wird, bevor der Tag überhaupt richtig begonnen hat. Für Fitness ist mit all den Arbeiten die den Körper fordern und formen auch gesorgt.
Wenn ich einen Blick auf die Zutatenliste der Fertigprodukte werfe, dann läuft es mir kalt den Rücken runter. Da sind meist nicht die Inhaltsstoffe drin, die ich mir im jeweiligen Produkt wünsche. Erdöl in Hautpflegeprodukten, Schwefel im Trockenobst, Citronensäure in Backwaren, modifizierte Wachsmaisstärke in Suppen und Saucen, Säureregulatoren, Emulgatoren, Hilfsmittel, Hilfsstoffe, naturidentische Aromen. Eine Riesige Industrie, die davon lebt, dass die Gesellschaft sich keine Zeit mehr nimmt um Grundbedürfnisse zu befriedigen. Die Menschen werden abgespeist mit Esswaren, die den Namen Lebensmittel nicht verdienen. Leben steckt keines mehr in dieser Art von Ernährung. Von A bis Z fehlt die Liebe. Die Liebe des Bauern, der das Korn wachsen sieht und dafür sorgt, dass es gut und reichlich wächst. Die Liebe derer, die es Verarbeiten. Und die Liebe derer, die es am Ende Essen.
Ein Lebensmittel ist doch ein Mittel zum Leben. Essen ist mehr als nur die Versorgung mit genügend Kalorien und anderen überlebenswichtigen Substanzen.
Es braucht nicht viel um ein gesundes und schmackhaftes Essen zuzubereiten. Das einzige sind hochwertige Zutaten. Dann kann auf all die Mittelchen, die in den Tütchen und Fläschchen stecken getrost verzichtet werden. Die Gemüse aus dem eigenen Garten schmecken einfach besser. Wir haben die Wahl, Sorten anzubauen, die zu uns und unserem Garten passen. Unser Boden ist mehr als ein Substrat in dem die Wurzeln Halt finden und dessen Eigenschaften mit beliebigen Nährstoffen aus der Chemischen Industrie gesteuert werden muss. Die Erde ist ein komplexes System, das aus unzähligen kleinen Organismen besteht. Wir versuchen die Vorgänge zu verstehen und mit den in der Natur verfügbaren Mitteln einen Ort zu schaffen, an dem unsere Nutzpflanzen und Tiere gerne und gut leben.
Wir wurden nach der ersten Gartensaison reich belohnt. Unser Tisch war reichlich gedeckt, mit äusserst leckerem Gemüse, so frisch, dass es noch lebt, wenn es auf den Teller kommt, mit gutem Fleisch und mit Eiern, wie wir sie zuvor noch nie gekostet haben.
Die Arbeit in Garten und Küche lässt es ruhiger werden in einem. Der Puls, die Atmung, das Schaffen, alles kommt in einen Rhythmus. Den eigenen Lebensrhythmus, dessen Takt von Notwendigkeiten vorgegeben wird und nicht durch eine errechnete Leistung pro Stunde definiert ist.
Die Hände mögen manchmal voller Risse sein, das Kreuz von der Arbeit in Stall, Feld und Garten schmerzen, aber dem Gemüt geht es gut. Auch wenn es manchmal viel Arbeit ist, so ist da kaum je Stress, der nicht selber gemacht ist. Es ist erfüllend, in einer kleinen Pause den Blick schweifen zu lassen. Die Pausen dann zu wählen wenn sie nötig sind. Dann da zu sein wenn es einem braucht und nicht einfach ein Pensum abzuarbeiten, damit am Ende der Abrechnugsperiode die Stundenzahl stimmt.

Unabhängigkeit

Selbstversorgung zu 100% ist (beinahe) unmöglich. Auch Selbstversorger brauchen Dinge, die nicht selber hergestellt werden können. Oder deren Aufwand bei der Herstellung nicht angemessen ist im Vergleich zum Nutzen. Eine Schaufel – nur als Beispiel – wird kaum jemand selber herstellen wollen. Und die die ausgerüstet sind zum Schaufeln herstellen machen sinnvollerweise auch gleich mehr als eine Schaufel. Dinge, die wir als Mitglied der Gesellschaft haben und bezahlen müssen.
Egal wie weit die Selbstversorgung reicht, es ist eine Entscheidung. Der Gedanke, dass wir nicht gezwungen sind, das zu nehmen was uns vorgesetzt wird, dass wir selber auch etwas machen können, dass wir selber Dinge des täglichen Gebrauchs oder Lebensmittel herstellen können. Verantwortung zu übernehmen für den eigenen Konsum bedeutet einen ersten Schritt zur Unabhängigkeit zu machen. Die Entscheidung wie weit dieser Weg gehen soll liegt bei jedem einzelnen.
Selbstversorgung bedeutet für uns, dass wir die Dokus über die Herstellung der Lebensmittel beim nächsten Essen nicht verdrängen müssen. Bei jedem Rüebli und jedem Geschnetzelten ganz genau zu wissen, dass es weder mit Totalherbizid oder Tierquälerei behaftet ist. Wir haben uns auf den Weg gemacht und wir arbeiten daran. Das erfüllt mit einem guten Gefühl.

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