Kleisterpapier – und das Experiment Buchbinden

So langsam beginnen sich immer mehr fertige Bögen Kleisterpapier auf meinem Schreibtisch zu stapeln.  Das ist ja an und für sich eine schöne Sache, aber immer nur durch die Papiere zu blättern und zu staunen wird mit der Zeit langweilig. Es wurde Zeit etwas daraus zu machen.

Einige der Blätter hab ich schon vor dem kleistern so zugeschnitten, dass ich ohne viel Abschnitt kleine, runde Kartondosen damit bekleben kann. Andere Papiere entstanden eher als Resteverwertung, wenn nach den geplanten, vorbereiteten Bögen noch angemischte Farben übrig blieben. Diese spontan aus Resten gefertigten Bögen, kamen fast am besten heraus…

Das Schöne an Gestaltung ist für mich, aus Rohmaterial ein benutzbares Produkt herzustellen. Kleisterpapier ist definitiv eine Rohware. Das bunte Papier reizt mich, etwas daraus zu machen und es weiter zu verarbeiten, bis etwas entsteht, das man in die Hand nehmen und brauchen kann.

Schon seit ein Paar Wochen liebäugelte ich mit dem Gedanken, mich im Buchbinden zu versuchen. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob ich dazu nicht spezielles Material, wie Buchbinderleim oder ähnliches benötige. Ich vermeide es bewusst, für Experimente Dinge zu kaufen, die später unbenutzt herumstehen, weil das Projekt doch eher eine Eintagsfliege ist. Das spart Platz und Geld – und bei einem Überschaubaren Vorrat von vielseitig benutzbarem Material fällt es mir leichter, auch etwas daraus zu machen.

Ich begann über das Thema Buchbinden ein wenig zu recherchieren und stiess auf die koptische Heftung, eine Methode ohne Leim Bücher zu binden. Die koptische Heftung wurde im 2. Jh von frühen Christen in Ägypten entwickelt und wird auch von modernen Buchbindern gerne benutzt. Die Heftung auf dem Buchrücken bleibt sichtbar, das verleiht dem Buch etwas Besonderes und lenkt das Augenmerk darauf, dass es liebevoll von Hand gemacht wurde.

Nach einigem Suchen und nicht verstehen von schriftlichen Anleitungen, kam ich auf die Idee nach Videos zu suchen und wurde schnell fündig…

Das Abenteuer Buchbinden konnte beginnen. Als erstes faltete ich Zeichenpapier und schnitt aus Karton die Buchdeckel zurecht. Den Karton bezog ich auf der einen Seite mit farblich zusammenpassenden Kleisterpapieren, kaschierte die Rückseite mit schwarzem Papier und legte sie zum Pressen über Nacht unter einen schweren Bücherstapel. Am Nächsten Tag konnte ich es nicht abwarten, weiterzumachen, obwohl die Buchdeckel noch nicht durchgetrocknet waren. Ich war mir bewusst, dass sich die Kartons durch die Feuchtigkeit wölben würden, aber ich wollte Resultate sehen.

Im Abstand von zwei Zentimetern lochte ich die Deckel und die Hefte vor. Mit einem lila Baumwollgarn, welches ich mit Kerzenresten wachste, nähte ich das ganze dann zusammen. Einmal verstanden, wie das mit dem Nähen funktioniert, war das Buch in weniger als einer Stunde zusammengeheftet und bereit zum benutzen.

Ich bin absolut fasziniert über die Möglichkeiten, die sich da eröffnen und in meinem Kopf drehen sich die Ideen, welche tollen Dinge ich mit etwas Papier, Garn, Karton und beliebigen anderen Materialien anstellen könnte. Beim nächsten Mal werde ich dem ganzen Prozess etwas mehr Zeit geben und einige Dinge wie das Falten des Papieres etwas anders angehen, damit das Resultat noch schöner wird.

Bis dahin geniesse ich es, in meinem allerersten selber von Hand gebundenen Buch zu schreiben und skizzieren.

Ein anschauliches Videotutorial zum Thema koptische Heftung findet sich hier.

Das Video ist in Englisch, sollte aber auch ohne Sprachkenntnisse gut verständlich sein – ich schaue mir solche Videos meist ohne Ton an und hab es gut verstanden.

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